Erzählen - Radio
ist Lagerfeuer
Erfahrungen austauschen - Radio ist Tratsch
Die
Oral History, also die Recherchemethode, welche persönliche Geschichten,
Erfahrungen, Wissen und Reflexionen aufzeichnet, konzentriert sich
sehr oft auf ältere Menschen. Doch im Grunde beginnt die Geschichte
gestern und gerade für Kinder und Jugendliche kann es spannend
sein, Erfahrungen auszutauschen oder über die unmittelbare Vergangenheit,
den letzten Sommer oder die letzte Woche zu reflektieren.
Kinder lassen sich erfahrungsgemäß gern durch schulaufsatzartige
Themenstellungen anregen. Wie: "Mein schönstes Erlebnis
diesen Sommer"'; "Da hörte ich auf, an das Christkind
zu glauben"; "Meine beste Freundin und unser schlimmster
Streit" oder "Als mein Meerschweinchen starb"', usw.
anregen. Jugendliche können bei Themen wie Probleme in der
Schule, Krach mit den Eltern oder bei Erfahrungen auf dem Weg zum
Erwachsensein (erste Liebe, erster Job, allein auf Reisen, etc.)
aus einem reichen Erfahrungsschatz schöpfen.
Damit die Ergebnisse solcher Gespräche - denn Diskussionen
eignen sich für die Gruppenarbeit besser als die Aufzeichnung
von Einzelerfahrungen - für HörerInnen interessant werden,
ist es wichtig, dass das Gespräch möglichst ungezwungen
wirkt, inhaltlich verständlich ist und dass die Gruppe bei
ihrem Thema bleibt. Die Erfahrungen und Erzählungen Jugendlicher
sind für andere junge Menschen fast grundsätzlich von
Interesse. Die Themen müssen also nicht spektakulär oder
außergewöhnlich sein. Alltagserfahrungen sind an sich
interessant genug und bieten auch Erwachsenen Einblicke in die Lebens-
und Denkweisen von Jugendlichen, was ebenfalls zum besseren gegenseitigen
Verständnis beitragen kann.
Damit die Aufnahmen gelingen können, sind allerdings doch
einige Grundregeln zu beachten. Denn obwohl sich die Gespräche
möglichst "natürlich" anhören sollen, können
sie keinesfalls so ablaufen, wie eine Diskussion üblicherweise
ablaufen würde. Denn ein Mikrofon kann nicht filtern und sortieren,
es nimmt alles auf, was es zu "hören" bekommt.
Gerade Jugendliche fallen einander oft ins Wort. Damit die Gespräche
nun noch einigermaßen ungekünstelt wirken, sollte gelegentliches
kurzes Durcheinanderreden erlaubt sein, auch wenn es auf Kosten
der Aufnahmequalität und Verständlichkeit geht. Je "intimer"
das Thema, desto wichtiger ist es, einen stimmigen Rahmen für
die Aufnahme zu schaffen. Die Erwachsenen stören fast immer,
und manchmal macht es sogar Sinn, den Jugendlichen ein Aufnahmegerät
mit nach Hause zu geben. Mit den FreundInnen im eigenen Zimmer entsteht
die richtige Atmosphäre.
Meinungs- und Streitgespräche in der Gruppe
Jugendliche setzen sich mit Wertefragen auseinander und schlagen
diese oft auch als Themen für die Radioarbeit vor. Ziele, Vorbilder,
Ideale, Lebensentwürfe, Gewalt, Gerechtigkeit, Freundschaft,
diese Stichworte werden bei der Themensuche mit relativ großer
Regelmäßigkeit genannt. Oft wollen sie auch ohnehin viel
diskutierte Themenbereiche wie AIDS, Drogen oder Umweltschutz behandeln.
Um solche Themen journalistisch sorgfältig abzuhandeln, ist
doch einige Erfahrung und eine ganze Menge Recherche nötig.
Damit spannende Beiträge entstehen, kann es daher sinnvoll
sein keine analytische, umfassende Darstellung zu versuchen, sondern
die Einsichten der Gruppe zu präsentieren.
Wirklich interessant wird die Sache allerdings nur dann, wenn die
Meinungen in der Gruppe wenigstens einigermaßen kontroversiell
sind. Um gegensätzliche Ansichten zu finden, lohnt es oft,
ins Detail zu gehen. Ein Beispiel: In einer Gruppe sind vermutlich
alle prinzipiell für den Tierschutz. Darüber, ob die radikalen
Maßnahmen von PelzgegnerInnen zu rechtfertigen und wo die
Grenzen des Akzeptierbaren erreicht sind bzw. wie weit jede selber
gehen würde, scheiden sich die Geister vermutlich. Vor allem
bei großen Gruppen ist die Gruppenleiterin als ModeratorIn
gefragt, um die Diskussion zu strukturieren, eventuell neue Fragen
aufzuwerfen und für einen einigermaßen "zivilisierten"
Diskussionsstil zu sorgen.
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