Alles wird zum Radiomaterial
Achtung, Achtung, Sie verlassen nun den Bereich journalistischer
Regeln und Konventionen und begeben sich in ein Gebiet fernab von
ernster Recherche, Distanz und Ausgewogenheit. Es geht im Folgenden
um Projektformen und Zugänge, die nah am Alltag der ProduzentInnen
ansetzen, die Radio zur Plattform für Selbstdarstellung, für
Experimente, kurz für die "radiophone Nabelschau"
machen.
Diese Form der "Radiokunst" kann spannende und durchaus
hörenswerte Resultate erbringen und ergänzt die journalistischen
Darstellungsformen, zu denen sie fast schon ein Kontrastprogramm
bietet.
Das beste Radiomaterial ist oft ganz nah
Für viele Themen ist die eigene Gruppe oder die eigene unmittelbare
Umgebung die beste Materialquelle. Denn die allseits beliebten Umfragen,
aber auch viele Interviews, die mit Fremden geführt werden,
bleiben an der Oberfläche und sind daher nur mäßig
spannend. Die wirklich aufregende Bearbeitung vieler Themen würde
nämlich eine größere Vertrautheit zwischen den GesprächspartnerInnen
erfordern.
Dabei eignet sich gerade das Radio besonders gut für Mitteilungen,
die einen sehr persönlichen Charakter haben. Denn während
der Klang einer Stimme, die "Intimes" erzählt, den
HörerInnen Nähe vermittelt, genießt der Sprechende
den Schutz der Gesichtslosigkeit. Und Radio knüpft - wie kaum
ein anderes Medium - an die mündliche Tradition der nicht-verschriftlichten
Überlieferung an. Gerade deshalb ist es auch wichtig, bei erzählenden,
erfahrungsbetonten Sendungsformen alle Regeln des "Schön-Sprechens"
außer Kraft zu setzen. Hier zählt in erster Linie die
Authentizität des Gesagten und da ist es wichtig, dass sich
jede so ausdrückt, wie sie es auch sonst auch tut. Aufgabe
der Gruppenleiterin ist es, die Erzählungen "in Gang"
zu bekommen und andererseits darauf zu achten, dass niemand zu "Beichten"
gedrängt wird, die ihr oder ihm nachher peinlich oder unangenehm
sind.
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